Enttäuschungen sind wir Nintendo-Fans ja gewohnt: Viele erinnern sich sicherlich an die e3 2008 mit der peinlichen Wii Music-Inszenierung, an die verwirrende WiiU-Präsentation der e3 2011, an das Nintendoland-Feuerwerk der e3 2012, an viele Directs ohne nennenswerte Themen. Die Smash-Fans hier werden sich an die Zeit im alten Dojo erinnern, als es mehrere Monate keinen neuen Charakter gab. Und auch heute beweisen die „Bilder des Tages“, dass es Herr Sakurai nicht immer auf qualitativ hochwertige Informationen anlegt.
Auch die gestrige Enthüllung von Cranky Kong als spielbaren Charakter in Donkey Kong Country Returns ist anscheinend bei vielen Usern auf Unmut gestoßen und wurde mit vielen unschönen Begriffen kommentiert.
Doch gestern war etwas anders: Die Enttäuschung ist groß. Und das meiner Meinung nach zu unrecht. Nintendo hat schon einiges verbockt, doch gestern traf Nintendo wirklich keinerlei Schuld (Edit: In einem Punkt kann man Nintendo durchaus Schuld zusprechen. Für eine Nichtigkeit bei einem Großevent zu erscheinen, ist tatsächlich nicht gerade fair den Fans gegenüber). Im Folgenden finden sich ein paar Zitate aus den entsprechenden Threads, da ich mich nicht auf diese versteifen will, packe ich sie mal in einen Spoiler:
Bevor ich meine Gedanken näher erläutere, möchte ich eines klar stellen: Ich bin ebenfalls der Meinung, dass es keine gute Idee war, Donkey Kong vor diesem ungeeigneten Publikum zu präsentieren. Das Spiel war ungeeignet, die Art der Präsentation war ungeeignet, die Diskussion war ungeeignet. Eine Erläuterung in einer Direct oder ein kurzes Video mit Bill Trinnen wären sicherlich angemessener gewesen. Aber darum geht es mir nicht. Es geht mir um den Hype und um die Erwartungen, die an diese Show gestellt wurden.
Um zum Punkt zu kommen: Werte User, die ihr diese Kommentare verfasst habt, ich habe zwei Fragen an euch:
[b]Was lässt euch glauben, dass die Möglichkeit einer Präsentation von The Legend of Zelda, Metroid, X oder Smash Bros. bestand?
Was lässt euch glauben, dass es eine gute Idee gewesen wäre, diese Spiele zu präsentieren?[/b]
Bevor ihr antwortet, möchte ich meine Gedanken zu diesen Fragen erläutern. Bitte nehmt euch einmal zwei Minuten Zeit und lest sie, vielleicht helfen sie auch bei der nächsten Direct oder e3. Ich werde versuchen, alles möglichst knapp dazustellen. (Edit: Es geht mir hierbei nicht um den Handlungszwang, dem Nintendo ausgesetzt ist. Ich möchte nur versuchen, objektiv erkennbare Handlungs- und Denkweisen von Nintendo aufzulisten, um von diesen dann auf die Wahrscheinlichkeit einer großen Ankündigung schließen zu können.)
Zu Frage 1:
Vergegenwärtigen wir uns doch noch einmal die letzten Zelda-Heimkonsolen-Ankündigungen:
[ame=„http://www.youtube.com/watch?v=hwhjXDj-qM4“]Skyward Sword[/ame]
[ame=„http://www.youtube.com/watch?v=VE2Dc1sx71U“]Twilight Princess[/ame]
Das waren große Ankündigungen auf einer großen Bühne, vor duzenden Journalisten, mit tausenden Fans im Livestream. Im Vergleich dazu steht die Location der VGX: Ein kleines, privates, provisorisch eingerichtetes Studio. Seht euch das Video aus der News an und verbindet die Eindrücke mit den e3-Präsentationen. Wären die beiden Moderatoren in Jubelschreie ausgebrochen? Wäre Miyamoto plötzlich ins Bild gesprungen? Wäre die Zelda-Community mit einem Schlag sprachlos gewesen? Macht euch eure eigenen Gedanken, mehr zu dem Thema gibt es später im Text.
Werfen wir doch als nächstes einen Blick auf die zuständigen Personen: Wer kündigt ein neues Zelda-Spiel an, wer führt die Interviews, wer demonstriert und erläutert das Gameplay? Aonuma und Miyamoto, nicht Reggie. Reggie ist ein Repräsentant der Firma, er hat keine Entscheidungsgewalt über solche Ankündigungen. Wenn er The Legend of Zelda präsentieren will, bräuchte er eine Absegnung von seinem CEO: Satoru Iwata. Reggie übernimmt die Werbung und Vermittlung der Spiele, er tritt in Talkshows und Awardshows auf, um neue Produkte zu präsentieren. Wenn Reggie alleine in einer Veranstaltung auftritt, kann man davon ausgehen, dass keine Präsentation eines neuen Spiels stattfindet.
Ähnliches gilt für Smash, Metroid und Monoliths X: Auch hier gibt es zuständige Personen. Wenn weder die Produzenten der Spiele, noch Iwata anwesend sind, wird es keine Trailer/Gameplaypremieren geben! Wer etwas anderes erwartet, ist gelinde gesagt lernresistent.
Nächster Punkt: Nintendos Medienstrategie hat sich in den letzten Jahren gewandelt und ist berechenbarer denn je: Wichtige Informationen, neue Spiele und erste Trailer werden in weltweit gleichzeitig stattfindenden Directs präsentiert. Die entsprechenden Fangemeinden werden im vorhinein Informiert, der Ablauf ist stringent festgelegt. Welche Informationen gab es diesmal von offizieller Seite? Einen einzigen Tweet von NoA. Es ist vollkommen ausgeschlossen, dass Nintendo einen neuen Ableger einer bedeutende Serie wie Zelda oder Metroid in einer Show enthüllt, die auf das amerikanische Publikum zugeschnitten ist. Wenn es einen neuen Trailer zu Smash, Zelda, Metroid oder X gibt, wird Nintendo sicherstellen, dass alle Regionen der Welt informiert sind! Nintendo setzt immer mehr auf eine Gleichstellung von Europa/Australien, Amerika und Japan; dies zeigt z.B. der simultane Release von Pokemon X und Y. Solange dieses Kriterium nicht erfüllt ist, brauchen wir uns keine Hoffnungen machen.
Mit diesen Informationen im Hinterkopf möchte ich die Frage erneut stellen: Was lässt darauf schließen, dass die Möglichkeit einer Präsentation von The Legend of Zelda, Metroid, X oder Smash Bros. bestand?
Zu Frage 2:
Wäre es eine gute Idee gewesen? Vor der Beantwortung muss man sich eine andere Frage stellen: Welches Merkmal hebt Nintendo seit Jahren von vielen anderen Entwicklern ab? Meiner Meinung nach ist es die Qualitätssicherung. Nintendo versteht sich exzellent darauf, Spiele aufzupolieren und Bugs kleinlich zu beheben. Grafikfehler, Tearing, drastische Framerateeinbrüche, spät ladende Texturen, falsche Kollisionsabfragen und Abstürze: Solche Probleme sucht man in einem „Super Mario 3D World“ oder „Pikmin 3“ vergeblich. Nicht umsonst wurde letzteres Spiel mehrfach verschoben. Nintendo lässt sich Zeit, die Spiele im richtigen Licht zu präsentieren. Nintendo tut alles, um Maskottchen und Marken wie gewünscht darzustellen: Erst kürzlich gab es die Diskussion, warum die Laserkanone in Smash Bros. U nicht wie eine echte Waffe aussehen darf. Die Antwort sollte recht simpel sein: Mario, Link und Pikachu mit einer Waffe in der Hand? Keine Chance.
Nintendo will, ähnlich wie z.B. Disney, dass die Konsumenten ein bestimmtes Bild der wichtigen Charaktere haben. Die Assoziationen sollten gut sein, das Wort „Nintendo“ muss positiv konnotiert sein. Und dieses Bemühen beginnt schon bei der Präsentation der Spiele.
Ich möchte nicht zu viele Worte über die VGX verlieren, aber ich denke, dass wir uns darauf einigen können, dass das Niveau nicht gerade über dem Meeresspiegel lag. Frauenfeindliche Witze, billige Klischees, Fäkalsprache und ausgelutschte Internet-Memes waren ziemlich frequent vertreten. Nicht gerade der perfekte Ort, um einen neuen Millionenseller aus dem Hause Nintendo zu enthüllen.
Vor einem halben Jahr gab es ziemlich viel Aufsehen um die e3-Präsentation. Nintendo hatte wenige Wochen vor dem Event abgesagt: Eine Live-Show sollte es nicht geben.
Ich glaube, dass die Hauptintention hinter dieser Entscheidung auch die Qualitätssicherung war: Live-Shows sind unberechenbar, eine e3 kann auch nach Hinten los gehen. Wer erinnert sich noch an die peinliche Präsentation von Skyward Sword und die nicht funktionierende Steuerung? Eine aufgezeichnete Direct hat dieses Problem nicht, alles kann auf die Sekunde abgestimmt werden.
Schauen wir uns nun die Bedingungen der VGX an:
[ul]
[li]Wenig Zeit. Nintendo hat nur ein sehr enges Zeitfenster, um ein Produkt zu präsentieren. Eine Zelda-Demo braucht 10 Minuten und mehr.[/li][li]Keinen Einfluss auf die Moderation. Geoff Keighley und Joel McHale sind Entertainer, keine Journalisten. Die Show soll Spaß machen, nicht neue Infos vermitteln. Anstatt konstruktive Fragen zu stellen, werden die Gäste auf den Arm genommen (siehe Reggie-Memes). Wer garantiert, dass ein neuer Trailer gewürdigt wird? Wer garantiert, dass ein neues Zelda ernst genommen wird? Die Möglichkeit besteht natürlich. Aber es geht um Geld, viel Geld - Nintendo will Fakten, keine Wahrscheinlichkeitsrechnung.[/li][li]Die VGX sind kein Presseevent. Nintendo ist ein Aktienunternehmen und als solches müssen bestimmte Richtlinien gewahrt werden. Den Investoren werden die nächsten Schritte mitgeteilt, die Presse bekommt exklusiven Zugriff auf neue Soft- und Hardware. Auch zur e3 gab es solche Events. Auch zur Enthüllung von Zelda U wird es solche Treffen geben. Wer sein Geld in die Firma investiert, will sicher sein, dass die Produktqualität stimmt. Die Investoren hätten Iwata den Hals umgedreht, wenn er Zelda während der VGX präsentiert hätte.[/li][li]Falsche Fanbase. Natürlich ist es wünschenswert, neue Käufer anzusprechen - aber alte auszulassen? Nicht jeder Nintendofan sieht die VGX. Wenn Nintendo Informationen vermitteln will, werden sie darauf bedacht sein, die eigenen Leute „vorzuwarnen“ (was nicht passiert ist, siehe Erläuterung zu Frage 1).[/ul][/li]
Und noch einmal: Mit diesen Informationen im Hinterkopf, was lässt darauf schließen, dass die Präsentation eine gute Idee gewesen wäre?
Ich hoffe, dass der ein oder andere sich Zeit genommen hat, diesen spontan geschriebenen und doch recht lang gewordenen Text zu lesen. Die Argumentation ist aufgrund der Spontanität möglicherweise nicht ganz perfekt und ich studiere auch nicht BWL o.ä. und kann meine Beobachtungen nicht mit Fachwissen oder Literatur untermauern. Kritik nehme ich daher gerne an, insbesondere natürlich von den Leuten, die ich zitiert habe ![]()
Warum schreibe ich so einen Text? Der Hype gestern war unnötig und unbegründet, eine Enttäuschung war abzusehen. Solche Situationen wird es noch öfter geben und wir sollten allmählich lernen, damit umzugehen. Eine Sache ist es, vor einer Direct einen Witz über „Metroid X StarFox“ zu reißen oder eine Verschwörung hinter dem letzten Smash-Bild des Tages zu vermuten, aber vor einer jeden Präsentation sollte man vielleicht einen Moment reflektieren und über die tatsächlichen Chancen eines „Megatons“ nachdenken. Hype macht Spaß, besonders, wenn tatsächlich etwas passiert. Aber ich habe es satt, wenn nach einer inhaltleeren Präsentation das halbe Forum in Tränen ausbricht oder die Mistgabeln mit der Aufschrift Nintendoom rausholt. Darunter leiden nicht nur die Enttäuschten selber.
Schönen zweiten Advent noch. ![]()