Habe ich gerade per E-Mail gekriegt…
Nur mal vorweg, chris von Rohr war Jurymitglied von Musicstar schweiz ![]()
Liebe Leser. Wer erinnert sich noch an Sex ‚n‘ Drugs ‚n‘ Chris von
Rohr? Der Mann mit dem Kopftuch in der Sendung mit den Jugendlichen,
die den Tanzbären gaben? Der die Nase rümpfte, sich
aufstützte und sagte: «Neinei, Meitli. Meh Dräck. Was
du bruchsch, isch meh Dräck.» CHRIS. VON. ROHR. Dieser Mann: Er hatte
RECHT. Er hat immer noch RECHT. Mit seinem Appell spricht er
genau das an, was es schnellstens braucht: Mehr DRECK. Und das
meine ich ganz ernst. Nur weiss Chris von Rohr nicht, was er damit
gemeint hat. Mehr Dreck? So ein bisschen mehr Rock ‚n‘ Roll halt,
you know Meitschi. Neinnein. Mehr Dreck ist die Formel, die unser
Leben einiges erträglicher machen könnte. Chris von Rohr hat’s
zwar gesagt, aber er hat keine Ahnung, was es wirklich heisst.
Damit man versteht, was ich meine, muss man diesen Text hier
nicht lesen. Man kann einen Tag durch irgendeine Stadt laufen und
sich mal umsehen. Über was reden diese Jugendlichen? Wie geht
ihr Leben?
Die Eltern sagen: Früher waren wir gegen etwas. Gegen die, die
sich eingerichtet hatten und keine Veränderungen wollten. Es gab
einen Feind und er sass nicht in einem Erdloch. Danke, Eltern. Was
auch immer ihr gemacht habt, es ist nicht unser Leben. Aber.
Gegen was sind wir denn heute? Gegen AMERIKA? Weil wir das bei
Michael Moore gelesen haben. Gegen den Irak? Wo ist der Irak?
Gegen den Chef? Gegen schlechte FRISUREN? Gegen höhere
Kinopreise? Gegen das Gegen-Etwas-Sein? Irgendwas findet sich
dann doch. Aber eigentlich sind wir nicht gegen etwas, sondern für
uns. Wir finden uns ziemlich OK und wir finden keinen wirklichen
Feind. Unsere Eltern waren gegen DIE. Wir nicht. Es gibt kein DIE
mehr.
Stimmt leider nicht. DIE sitzen am Schaltpult. Und sie haben unglaublich
viele Knöpfe. Wenn sie rufen, stellen wir uns an, um Superstar
zu werden. Wer sich nicht anstellt, stellt den Fernseher
an und redet über die Superstars. Wir bezahlen über Preis für ihre
Produkte. Wir bezahlen über Preis für ihre Medien, die sagen,
welches ihrer Produkte wir überhaupt brauchen. Wir haben das
Gefühl, die neuesten Klatschgeschichten von Hollywood-
Prominenten hätten was mit unserem Leben zu tun. Wir wollen
auch diese Aufmerksamkeit. Das ist unser Ziel.
Wir haben jegliche SCHAM verloren.
Wir müssen uns ständig auf etwas freuen können. Wir verschicken
dutzende SMS, bevor wir uns irgendwo mit Freunden treffen, damit
während des Treffens auch welche zurückkommen. Um zu zeigen,
wie beliebt wir sind. Wir warten bei jedem Gespräch auf die Stelle,
die wir anderen weitererzählen können. Wir reden überall mit und
halten uns auch noch für präzise.
Wir haben fertige MEINUNGEN in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Sport,
Kultur und Lifestyle.
Wir konsumieren, hätten aber eigentlich lieber mal wieder ein
Geschenk. Wir konsumieren auch Produkte, die uns eigentlich gar
nicht gefallen. Das nennt sich TRASH, ist aber immer noch Konsum.
Wir haben Freunde, einige haben mehr, andere weniger. Wir
haben Sex, einige haben mehr, andere weniger. Wir geben für beides
ziemlich viel Geld aus. Wir kaufen, was nicht angeschraubt ist.
Wir laden uns Musik herunter, die wir gar nicht hören. Wir gewöhnen
uns schnell an Neues. Seit man gratis Musik bekommt, haben wir
uns daran gewöhnt. Wenn wir für Musik Geld ausgeben, dann für
einen Klingelton. Wir gehen ständig an Partys, an denen wir irgendwie
schon mal waren und alle anderen viel zu jung sind. Wir interessieren
uns füreinander, können uns aber nichts merken.
Wenn wir nach Hause kommen, stellen wir uns JEDES MAL vor, jemand
anders zu sein und die Möbel und das Design zum ersten Mal zu
sehen. Wir sind Tagträumer und träumen meistens von der NACHT.
Wenn wir unsicher sind, blättern wir einfach weiter. Wir möchten
zwar etwas lernen, aber im Internet steht ja schon alles. Wir sind
ständig am Erzählen, lassen aber selten wirklich etwas von uns
hören. Wir sind überzeugt, dass es irgendwie ganz und gar unmöglich
ist, an einem Abend nichts zu unternehmen, wenn man am
nächsten Tag ausschlafen kann. Wir wollen authentisch sein und
gehen dafür sogar in den H&M. Wir brauchen Bestätigung. Wir
wollen immer mitten ins GEWÜHL. Ständig denken wir in Listen.
Rauf und runter. Wir halten die Erkenntnis, dass sich Flip-Flops für
Männer diesen Sommer definitiv durchsetzen werden, für extrem
wichtig. Die Fernsehserien erklären unser Leben, obwohl sie nichts
mit uns zu tun haben.
In Sachen Musik sind wir fanatisch geworden.
Wer Hip Hop hört, geht nicht an eine Technoparty. Das GEHT
EINFACH NICHT. Wir kaufen ein. In Sachen Kleider sind wir fanatisch
geworden. Was nicht dem Dresscode entspricht, tragen wir
nicht. Das geht einfach nicht. In Sachen ZUORDNUNG sind wir
fanatisch geworden. Wer stellt sich denn heute noch mit Namen
vor? Einfacher ist doch: Rap, Antifa, Schwul, Techno. Dann ist doch
alles gleich KLAR. Wenn wir zugeordnet sind, wissen wir auch, wie
wir uns kleiden, welche Musik wir hören, welche Orte wir aufsuchen,
welche Sprache wir sprechen. Wer die Grenzen übertritt,
wird nicht ernst genommen. Was ist denn das jetzt bitte für eine
neue Mode, heisst es dann. Wir grenzen uns ab von den anderen.
Diese grenzen sich ab von uns. Das ist unser Alltag.
Wie sind wir denn so unglaublich langweilig geworden?
Stimmt vielleicht nicht alles. Hoffentlich nicht. Aber wir können doch
nicht glauben, dass wir das selber so gewollt haben. Wir haben aufgegeben
und DENEN das Wort darüber erteilt, wie WIR uns verhalten
sollen. Die Wahl von Szenen, Kleidern, Sprache, Musik: ist
das unsere eigene Entscheidung? Der Traum, anerkannt, beliebt,
berühmt zu sein: Ist das unsere eigene Entscheidung? Alle anderen
machen es halt so. Dann mache ICH halt auch mit. Weil es so
gemacht wird. Weil DIE es so von uns wollen. Der Feind, den wir
nicht mehr sehen.
Jeder darf davon träumen, einmal ein Star zu sein. Sicher. Aber heute
träumen wir ja nicht mal mehr von Stars. Wir leben bereits in
einem FILM und wollen nur noch berühmt werden. Und die Scheisse
daran ist: Stars haben was drauf. Berühmtheiten sind nur Idioten.
Wenn Stars die Könige sind, dann sind Berühmtheiten höchstens
das Fussvolk. Aber genau das wollen wir sein, in unserem Freundeskreis,
in unserer Stadt, am Fernsehen, egal. Berühmt. Und weil wir
das nicht sind, tratschen wir die ganze Zeit über diese berühmten
Idioten im Fernsehen, im Kino und an den Plakatwänden.
Wahrscheinlich ist das überhaupt nicht neu. Wahrscheinlich ist das
den meisten klar. Neu ist hingegen, dass DIE uns auch gleich noch
das Motto zu unserem Alltag draufhauen.
Die Idioten von Mc Donald’s nämlich, die sowieso allesamt einen an der
Waffel haben,
waren mal so frech: I’M LOVIN’ IT. Stimmt doch genau. Wir lieben ja alles,
was
ihr uns vorsetzt. Alle Normen, alle Vorgaben, jeden neuen Hamburger,
alles sauber auf uns abgestimmt, alles extra für uns, herzlichen
Dank, bitte noch etwas Ketchup. Fänden wir es nicht gut, hätten wir
doch längstens dankend abgelehnt. Oder die Stadt angezündet. Ist
nicht passiert.
Die Stadt anzünden: ist auch nicht unser Stil. Was also sollen wir
tun, Chris von Rohr? Mehr Dreck in unser Leben lassen. Aber nicht
als tanzender Bär bei den Musicstars, sondern im Alltag. Ab heute.
Ab jetzt.
Alles, was wir vorgesetzt bekommen, zuerst mal auf den Boden
werfen. Aus allem, was auf uns zugeschnitten ist, einen Scherenschnitt
machen. Alle diese sauber für uns angestrichenen Produkte
versprayen. Alle diese fest für uns vorgesetzten Normen runterspülen.
Alles, was uns verkauft wird, auf dem Schwarzmarkt
weiterverkaufen. In unserem Alltag, der uns klinisch rechtwinklig
eingerichtet wurde, die Möbel zersägen.
Mehr Kreativität. Mehr Protest. Mehr Ruhelosigkeit. Mehr
Grenzüberschreitungen.
Mehr Unbequemes. Mehr Kaputtes.
Mehr Dreck.
Und vor allem: aufhören, zu denken, da wird schon noch was von
wegen Berühmtheit. Da wird eben nichts.
THERE IS NO ACADEMY.
Danke.