Allgemeiner Anime/Manga-Diskussionsthread

Ach Leute… ich weiß einfach nicht, was ich aus Jujutsu Kaisen machen soll… Ich habe jetzt gestern die Folgen 4 und 5 der dritten Staffel gesehen und… joa.

Ich habe zu meiner Frau gestern noch recht negativ gesagt, dass mir das zu „artsyfartsy“ ist, bzw. zu sehr einen auf Arthouse-Kino macht - und irgendwie kann ich nur schwer beschreiben, was ich damit meine… ich versuche es aber mal:

Viele Szenen sind sehr beeindruckend und teils sehr mutig animiert. So gibt es in Folge 5 beispielsweise eine Szene, in der die Kamera für fünf Minuten (?) einfach komplett stillsteht und dadurch eine irgendwie interessante, aber auch irgendwie (bewusste/gewollte) unangenehme Atmosphäre entsteht. Folge 4 ist hingegen ein einziges (und sehr auffälliges) Zitat von Kill Bill.

Was mich daran aber so sehr stört ist, dass ich das Gefühl habe, dass die Regie hier um der Regie Willen eskaliert. Es fällt mir schwer, darin einen ZWECK oder ein ZIEL zu erkennen, weil mich die Serie inhaltlich einfach komplett verliert. Wenn mich gerade nicht alles täuscht, war es Folge 3, die quasi nur aus einem einzigen Dialog bestand, in der versucht wurde zu erklären, was der Stand der Dinge ist und was der Antagonist eigentlich vor hat. Lasst euch das mal auf der Zunge zergehen: Eine KOMPLETTE FOLGE ist eine einzige, lange Erklärung - und dennoch wurde kaum etwas wirklich verständlich erklärt. Klar, irgendwie hat das der Anime auch gebraucht und in seinen Grundzügen ist mir danach die Handlung einigermaßen klar geworden (zumindest mit reichlich Mut zur Lücke), aber schon in den Folgen danach raffe ich wieder nichts.

Und das schlimmste ist: Dadurch FÜHLE ich auch einfach nichts. Ich fühle überhaupt GAR NICHTS beim schauen. Wenn ich sehe, wie Maki einen auf Itachi Uchiha macht und ihren kompletten Clan blutig und brutal niedermetzelt, dann sitze ich da und denke mir „oh krass, die Szene ist ein riesiges Kill Bill Zitat“. Ich bin nicht geschockt, nicht fassungslos, nicht irgendwie emotional befangen. Ich bin… irgendwie gleichgültig, weil ich mir versuche einen Reim darauf zu machen, warum das überhaupt passiert (und vor allem warum in dieser extremen Form).

Selbst die spektakulären Kämpfe ergeben für mich irgendwie keinen Sinn. Alles geht kaputt, alles wird zerteilt, permanent zerspringt die Umgebund in tausend Stücke, Menschen bluten aber nichts davon ist irgendwie… geerdet. Das Ganze gipfelt dann darin, dass eine Erzählerin aus dem Off irgendwas erklärt (was gefühlt überhaupt keinen Sinn ergibt) wärend auf dem Bildschirm das komplette Feuerwerk abfackelt.

Oder könnt ihr in diesem Fight aus der zweiten Staffel noch verstehen, was da eigentlich abgeht? In einem Schnitt sind die am Boden, im nächsten in der Luft, im nächsten im Tunnel, dann geht wieder ein Haus kaputt, dann explodiert alles, sie Kämpfen wieder am Boden… äh was? Und dann wechselt gefühlt auch noch andauernd der Artstyle während des Kampfes.

Und dabei geht es mir gar nicht so sehr darum, dass der Kampf komplett over the top ist. Wahrscheinlich SOLL es sogar einfach diesen Effekt haben, dass der dem Zuschauer ein bisschen den Boden unter den Füßen wegzieht, aber irgendwie… fühle ich das ab einem gewissen Grad einfach nicht mehr. Dann habe ich nur noch Fragezeichen und das „Michael-Bay-Problem“ im Kopf. Wenn fünf Minuten lang alles eskaliert, dann staune ich zwar einen Moment lang, aber irgendwann kippt das Staunen ein wenig darin, weil mich die zwanzigste Explosion kalt lässt und ich genervt bin, weil ich dem nicht mehr folgen kann. Das erzeugt dann ein wenig ein Gefühl von „das hätte ich mir sparen können“, wenn ihr versteht, was ich meine.

Bleiben wir mal beim Naruto-Vergleich (sicherheitshalber im Spoiler, weil man daraus Rückschlüsse auf die dritte Staffel JJK ziehen könnte):

Itachis Verrat an die Uchihas hatte deshalb so viel Gewicht, weil wir mit Sasuke mitgefühlt haben und wir das auf persönlicher Ebene nachempfinden konnten. „Was macht das wohl mit einem Kind wenn er mit ansehen muss, wie sein eigener Bruder und Anker innerhalb der Familie alle anderen abschlachtet?“ Wir haben als Zuschauer einen Bezugspunkt (Sasuke), haben uns durch Naruto mit ihm mehr oder weniger angefreundet und können uns in ihn hineinversetzen. Wir sind entsetzt, als wir endlich das Ausmaß seiner Vergangenheit erfahren. All das fehlt mir aber bei Maki. Ich habe das Gefühl, sie kaum zu kennen und sie unterscheidet sich ja auch optisch massiv in der dritten Staffel, was sie noch mehr entfremdet.

Vorher:

Nachher:

Alles in allem, verstehe und begreife ich nicht in Gänze, warum da so ein Gemetzel stattfindet.

Auch als Makis Mutter am Ende eine 180-Grad-Wende macht, indem sie sagt, dass sie ihre Töchter eigentlich doch geliebt hat und anschließend diesen anderen Clan-Anführer-Kandidaten (der locker schon längst hätte tot sein müssen - es wurde Mortal Kombat-mäßig mit einer Röntgenaufnahme gezeigt, wie sein Schädel zertrümmert wurde…) mit dem Messer umbringt, verstehe ich einfach nicht was zur Hölle da gerade abgeht! Meine Frau saß da auch neben mir und hat sich laut denkend gefragt, warum sie ihn in der Szene umgebracht hat und ich konnte das nicht beantworten. Nicht einmal ansatzweise.

Und das ist dann letztendlich auch mein Problem mit der Staffel. Es hat ein bisschen was von „Style over Substance“, wenn ich so darüber nachdenke. Wenn ich weder auf kognitiver Ebene der Handlung so richtig folgen kann, noch auf emotionaler Ebene irgendwie betroffen bin, dann geht die Serie irgendwie spurlos an mir vorbei - trotz der ganz offensichtlichen Produktionsqualität.

Und deshalb ist Demon Slayer für mich auch ganz klar der bessere (moderne) Konkurrent. Auch Demon Slayer hat ein unfassbares Production-Value, ist dabei aber weniger komplex und zugänglicher (man könnte auch „konventioneller“ oder „weniger mutig“ sagen) und die Charaktere sind mir einfach näher. Ich verstehe ihre Beweggründe und fühle mit ihren Schicksalsschlägen mit. Dadurch bin ich persönlich involviert. Demon Slayer erfindet bei weitem nicht das Rad neu und wenn nicht diese unglaubliche Animationsqualität wäre, würde ich auch durchaus unterschreiben, dass es ein wenig überbewertet (aber dennoch gut) ist, aber all diese Komplexität und der Arthouse-Flair eines JJK bringt mir letztlich einfach nichts, wenn ich den Eindruck habe, dass sich unter der Oberfläche gar nicht so viel verbirgt, wie es mir weiß machen will.

Schaut hier zufällig jemand JJK und kann das nachempfinden?

Zum Abschluss noch ein komplett anderes Thema, passt aber ganz gut zum Thema Arthouse: Der obskure Anime „Angel’s Egg“ aus den Achtzigern erscheint erstmals auf Deutsch. Das interessante dabei ist, dass der Regisseur von Ghost in the Shell dahinter steckt, sowie Yoshitaka Amano der das Charakterdesign und Artstyle beigesteuert hat. Den kennt der ein oder andere vllt aus den früheren Artworks von Final Fantasy. Der Film wirkt dadurch optisch sehr besonders und hebt sich deutlich von heutigen Anime ab.

Der Film selbst ist vor allem deshalb so obskur, weil er sehr aufgeladen ist, mit biblischen und philosophischen Metaphern, aber gleichzeitig fast ohne Dialoge auskommt und eine sehr vage und abstrakte Handlung verfolgt. Worum es in dem Film eigentlich geht und was der Film damit sagen möchte, ist tatsächlich bis heute ein vieldiskutiertes Thema, das unter anderem wohl auch From Software, bzw. Dark Souls inspiriert hat.