Ist schon krass, habe aber in einer Zeitung einen langen Artikel darüber gefunden! Zum Teil ist es schon fast amüsant, zum Teil auch erschreckend. Bilder habe ich eingescannt, einige noch übers Internet gefunden. Ausserdem hier nun einige Auszüge aus dem Bericht.
Quelle: Die Weltwoche Nummer 29 – 15. Juli 2004
Sechzig Jahre nach seinem Tod ist der Massenvernichter populärer denn je. In Indien steht er für Widerstand, in Ägypten für Wohlstand, in Peru für Disziplin. Senegalesen feiern ihn als Helden des Antikolonialismus, Hongkong-Chinesen als Stilikone.
Indien:
Das Hakenkreuz stammt aus Indien. Dort gilt es - nicht auf der Spitze stehend, sondern auf einer Seite ruhend - als uraltes Fruchtbarkeitssymbol der Arier. So hiessen jene indogermanischen Stämme, die im 2. Jahrtausend vor Christus nach Indien einwanderten, sich dort ansiedelten und ihre Kultur verbreiteten. «Hakenkreuz» und «Arier» wurden also aus der indischen Geschichte übernommen. Darum vermutete man eine tiefere ideologische Beziehung zwischen dem alten Hinduismus und dem Nationalsozialismus.
Wer in Indien lebt, wird immer wieder mit einer geradezu peinlichen Hitler-Verehrung konfrontiert. Deutsche, die durch Indien reisen, werden gefragt «How do you like Hitler?», und ihre indischen Gesprächspartner erwarten von ihnen einen schwärmerischen Augenaufschlag. Sechs von zehn Studenten nennen den Namen Adolf Hitler, wenn sie gefragt werden, welchen Menschen sie am meisten bewundern. Das ergab die Umfrage im St. Stephen’s College, einem Elite-College der Hauptstadt Neu-Delhi. Der Diktator habe seinem Volk nach der Demütigung durch den Versailler Vertrag die Selbstachtung zurückgegeben, heisst die geläufigste Begründung der Studenten für ihre Wahl. Doch die Verehrung Hitlers beruht nicht auf einem falschen oder richtigen Geschieh tsvers tändnis, sondern eben auf Geschiehtsunkenntnis. Die Studenten, die in Hitler ein Vorbild sehen, wissen wenig.
Arabische Länder:
Statt «Hallo» ein höfliches «Heil Hitler»
Der dürftige Informationsstand macht anfällig für Manipulationen. Der Zweite Weltkrieg wird in arabischen Ländern übersprungen. «In der Schule habe ich nichts darüber erfahren», sagt der ägyptische Politologe Gehad Auda. Weil das Dritte Reich im Mittleren Osten nicht FUSS fasste, blieb das Hitler-Bild im arabischen Raum intakt, meint Auda. «In Kairo gilt Hitler heute als Staatsmann, der den Ruhm seines Landes anstrebte. Er machte es wohlhabend, indem er den Volkswagen lancierte und Autobahnen baute.»
Verbreitet wird Halbwissen. So büffeln Gymnasiasten im Iran nur eine Kurzbiografie des Führers, die sich zu neunzig Prozent auf seinen Werdegang vor 1933 bezieht. Hitlers Verbrechen rufen keine negativen Reaktionen hervor. Der Iran ist vermutlich das einzige Land der Welt, in dem das Wort «Arier» wie selbstverständlich gebraucht wird. Denn der Begriff wurde dort lange vor Hitlers Machtergreifung 1933 verwendet.
Zum Bild: „Hitler vernichtet die Schädlinge“ (Hebräisch). Hauswand in Israel.
Zum Bild: arabischa Ausgabe von „Mein Kampf“.
Afrika:
«Es war ein Fehler, dass er gegen die Juden vorging», sagt Richard. «Aber andererseits: Schau, was die Juden jetzt seit Jahrzehnten mit den Palästinensern machen. Auf jeden Fall: Für Afrika war Hitler ein Segen. Ohne ihn würde Afrika noch heute aussehen wie Südafrika unter dem Apartheid-Regime.»
Beim recht weit verbreiteten Antisemitismus in Afrika wird besonders deutlich, wie wenig er mit Fakten oder persönlichen Erlebnissen zu tun hat, denn die meisten Afrikaner sind noch gar nie einem Juden begegnet.
Abdou, ein etwa vierzigjähriger Senegalese, sagt: «Hätte Hitler den Krieg gewonnen, die Juden hätten heute nicht dieses Gewicht. In den dreissiger Jahren waren die Juden im Begriff, der Welt ihr Gesetz zu diktieren. Hitler hat als Einziger die Gefahr gesehen, so wie heute Bin Laden. Inzwischen schicken die Juden die Amis als Speerspitze voraus. DieAfrikaner stehen für Gleichheit, für Verbundenheit, die Juden hingegen für <Auge umAuge>.»
«Und was ist mit den Konzentrationslagern?», frage ich.
«Es gab diese Art Schinderei schon lange vorher in Form von Sklaverei und Kolonialismus inAfrika, aber die Welt wollte nichts wissen.»
Uruguay:
Hitler lebt in Uruguay. Wenn man das Telefonbuch des Landes aufschlägt, findet man dort unter dem Namen Hitler vier Eintragungen -allerdings nur als Vornamen. Warum tauft jemand sein Kind so? «Mein Vater war ein gros-ser Bewunderer von Adolf Hitler, als der Krieg losging», sagt Hitler Ignacio Da Suva Tabares aus der Hauptstadt Montevideo, einer der vier Hitler Uruguays, «und deshalb hat er mir als seinem ältesten Sohn diesen Namen gegeben.»
1939, im Geburtsjahr Da Suvas, las man in Montevideo über Hitler viel in der Zeitung. Aber dabei blieb es nicht. Deutsche Exilanten und Mitglieder der lokalen NSDAP lieferten sich Strassenschlachten. Und am 13. Dezember 1939 erreichte der Zweite Weltkrieg auch Uruguay. Am Hafen von Montevideo machte das angeschlagene deutsche Panzerschiff «Admi-ral Graf Spee» fest. Der deutsche Botschafter und Honoratioren der deutschen Gemeinde pilgerten an Bord, um Hitlers Matrosen zu ehren. Auch Da Suvas Vater stand damals an der Kaimauer, um sich die «Graf Spee» anzusehen.
Der Sohn beschäftigte sich später wegen seiner Namensverwandtschaft zwangsläufig mit Adolf Hitler. Bücher habe er über ihn gelesen und sich Filme angeschaut. «Hitler hatte ein anderes Konzept des Lebens», erklärt der 65-jährige pensionierte Polizist umständlich. «Hitler wollte eine andere Kultur haben und hätte das auch fast geschafft.» Was für eine Kultur? «Er wollte nur noch Weisse, wie die Deutschen, keine Mestizen, keine Schwarzen, nichts.»
Da Silva ist stolz auf seinen Namen. «Mein Vater hat ihn für mich ausgesucht.» Es sei ihm bislang noch nicht in den Sinn gekommen, den Namen zu wechseln. Auch wenn das Leben als Hitler Nachteile haben kann. Als er vor Jahren die Ferien in Argentinien verbrachte, wollten ihm zwei Pensionsbesitzer kein Zimmer vermieten. Wegen seines Namens. Auch da Suvas Freunde hacken gerne auf dem Namen herum, heben zur Begrüssung den rechten Arm und rufen «Heil Hitler».
Für Hitler Aguiere Fuentes hatte der Vater einen anderen Namen vorgesehen. Er wollte seinen 1940 geborenen Sohn unbedingt «Mussolini» taufen. Doch sein Bruder hatte den Namen des Duce bereits für seinen Sohn beansprucht. Es kam zu einem heftigen Streit, in dem Aguiere Fuentes’ Vater unterlag. Und so kam der Junge eben zum Vornamen Hitler.
Zum Bild: „Tanz den Hitler.“
Peru:
Hauptstadt Perus: «Hitler?», fragt er, «so einen brauchte Peru heute.» Der habe es geschafft, das Volk zu vereinen - um es dann mit der ganzen Welt aufzunehmen. Auch Deutschlands Wiederaufbau hält Gimenez für Hitlers Leistung. «Deutschland ist heute wieder ein starkes Land», sagt er. Ein peruanischer Hitler sollte sein Land wirtschaftlich flott machen. «Es braucht Disziplin», sagt er, «und dafür brauchen wir einen starken Führer.»
Hitler in Fernost - Techno und T-shrits
Im Fernen Osten ist Hitler ein ästhetisches Phänomen, zuweilen ein Mode-Statement - von der Politik der Nazis, vom Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg beinahe vollständig losgelöst.
Im südkoreanischen Pusan gab es bis vor kurzem eine Bar namens «Adolf Hitler Techno & Cocktail», mit dem Hakenkreuz als Wirtshausschild.
Bild: entsprechnde „Adolf Hitler Techno & Cocktail“-Bar. Möchte nicht wissen, wie da die Bediehung aussieht.
In Taegu, ebenfalls Südkorea, heisst eine Billardhalle «Gestapo». Eine «Nazi-Bar» in Seoul änderte nach internationalen Protesten den Namen. Die Inhaber werden übereinstimmend zitiert, Hitler sei ein Werbegag, politische Motive hätten sie keine. Die Empörung habe sie überrascht.
InTaipeh,Taiwans Hauptstadt,konnte man bis vor wenigen Jahren in einem KZ-Restaurant essen, an den Wänden seh warz-weisse Lagerfotos. Die Gäste sassen in kleinen Gefängniszellen.
In Hongkong dekorierte die Modekette Izzue im Vorjahr ihre Läden mit Emblemen des Dritten Reichs und verkaufte Kleider mit Nazisymbolen. Als deutsche und israelische Diplomaten protestierten, wehrte Managerin Deborah Cheng ab, Chinesen seien weniger empfindlich auf Nazismus, der Designer habe nicht gewusst, dass man sich daran stören könnte. «Die meisten Reklamationen kommen von Ausländern, unsere Läden richten sich jedoch an junge Hongkong-Chinesen.» Schliesslich zog Izzue die Nazistücke kleinlaut zurück.
Ich fragte einen jungen Hongkonger, einen Doktoranden der Mathematik, was er und seine Altersgenossen über Hitler und die Nazis wüssten. Wenig, meinte er, er müsste seine alten Geschichtsbücher suchen. «Hitler war mit Mussolini verbündet und hat viele Juden umgebracht.» Er erinnerte sich, Hitler habe den Zweiten Weltkrieg verloren. Wer ihn begonnen hatte, fiel ihm nicht mehr ein, zur Ideologie Hitlers auch nichts.
Krieg der Kaltfront
Fünfzig Kilometer weiter nördlich, in der Volksrepublik China, fallen ähnliche Gespräche ernüchternder aus. Mehrmals ist mir, kam die Rede auf Hitler oder Deutschland, ein rechter Arm entgegengeschnellt. «Heil Hitler!» als Scherz. Die Leute sind erstaunt, wenn ich das nicht lustig finde. Allerdings treten wir Europäer, wenn wir einem Chinesen mit Mao kommen, meist mit gleicher Ignoranz ins Fettnäpfchen.
In Taiwan warb vor ein paar Jahren eine Firma mit einem Hitler-Cartoon für ihre Elektroofen «Made in Germany». Über einer Hitler-Figur stand «Erkläre der Kaltfront den Krieg».
Bilder zur Werbekanpanie für die Elektroofen:
Vor der kürzlichen Präsidentenwahl polemisierte die Kuomintang, die einstige Monopolpartei Taiwans, die sich auf Staatsterror stützte, mit einem Hitler-Bild gegen den (inzwischen wiedergewählten) taiwanesischen Präsidenten Chen Shui-bian - den sie selbst als Demokratieaktivist verfolgt hatte.
Japan kann sich, im Gegensatz zu China, Taiwan und Südkorea, nicht auf Jahrzehnte der Isolation herausreden. Hitler war mit Tokio verbündet, allerdings nur lose und erst ab 1940. Die Feldzüge der zwei Achsenmächte waren nie koordiniert. Ideologisch beeinflussten sie sich kaum. Zwar waren beide rassistische, militaristische Diktaturen. Doch in Japan gab es nie eine Massenpartei wie die NSDAP, nur kleine, elitäre Cliquen. Sein Faschismus war ein Ultranationalismus von oben. Der Zweite Weltkrieg, der für Japan schon 1931 mit dem Griff nach der Mandschurei begann, sollte, so Tokios Propaganda, Asien den Asiaten zurückgeben - unter der Führung der allen überlegenen japanischen Nation.
Die Abwesenheit einer faschistischen Partei mag dazu beigetragen haben, dass Japan sich nach dem Krieg, im Gegensatz zu Deutschland, um die Aufarbeitung seiner Vergangenheit bis heute drückte. Man hatte keinen, dem man die Schuld in die Schuhe schieben konnte - wie in Deutschland den Nazis. Über den Kaiser, der sich am ehesten als Sündenbock angeboten hätte, hielt US-Statthalter General MacArthur seine schützende Hand.
In japanischen Schulbüchern wird die Geschichte des Zweiten Weltkriegs bis zur Unkenntlichkeit beschönigt. Die Erinnerungsarbeit beschränkt sich auf Hiroschima und die Kapitulation; auf Japan als Opfer. Kein Wort über die Massaker der japanischen Truppen. Während Deutschland sich mit allen Mitteln von seiner Nazivergangenheit abzusetzen sucht, nimmt Japan die historische Kontinuität als unvermeidlich hin.
Hakenkreuze und Frauen im Schlamm
In der Erinnerung einer pensionierten Journalistin verschwimmen Hitler und Bis-marck zu einer Person: «Hitler war stark, er hat Deutschland vereinigt und mächtig gemacht, wie Stalin Russland. So einer fehlte Japan.»
War Hitler demnach ein guter Mensch?
«Hochintelligent sicher. Aber jeder Mensch hat zwei Seiten, eine gute und eine böse. Bei Hitler waren beide gross», meint die 68-Jährige, die sonst meist kritische, linke Meinungen äussert.
Und die Juden?
«Schwierig. Ich würde nie tun, was er tat. Aber der jüdische Charakter ist uns Japanern fremd, die Deutschen sind uns ähnlich. Sie sind intellektuell, pflichtbewusst und moralisch.»
Während die Mehrheit der Japaner fast nichts über Hitler weiss, stösst man im schicken Unterhaltungsviertel Shibuya auf einen winzigen Laden, der SS-Uniformen verkauft, echte und auch nachgeschneiderte, Letztere «Made in Tokyo», dazu Helme, Feldpostkarten, Hakenkreuz- und SS-Orden, eine Himmler-B iogra-fie, Hitler-Reden auf CD, Soldatenlieder; Leni Riefenstahls «Triumph des Willens» als DVD, der SS-Film «Sieg der Waffen - Sieg des Kindes» und «Hitler wie ihn keiner kennt». Faksimilierte Wehrpässe, SS-Beförderungsurkunden - ungebraucht, damit man den eigenen Namen eintragen kann. Der Laden fuhrt auch Mi-litaria anderer Armeen, Bücher über polnische Panzer, Konzerte französischer Armeechöre. In einem ändern Regal stehen Videos von Frauen-ringkämpfen im Schlamm, uralte deutsche FKK-Blättchen, europäische Pornos aus den Siebzigern und Nachdrucke von Soldaten-Pin-ups der Kriegszeit.
Der einzige Kunde, ein junger Mann, blättert erst in einigen Militärbüchern und vertieft sich dann in die Pornografie. Ihre Kunden seien meist Männer, sagt die Verkäuferin; Japaner, die sich für Geschichte und Militär interessierten. Mit Politik habe das nichts zu tun.