Für die Antwort wollte ich mir bewusst ein wenig Zeit nehmen. Letztendlich auch, weil ich mir selbst noch nicht ganz sicher bin und meine Gedanken ein wenig sortieren wollte. Was die Sache aber irgendwie unangenehm macht ist, dass ich mir dabei, um ehrlich zu sein, ziemlich dämlich vorkomme. Aber weil ich die leise Hoffnung habe, dass mich der ein oder andere zumindest ein kleines bisschen nachvollziehen kann, leg ich einfach mal los… und… oh Mann, das wird ein Roman.
Das Problem ist, dass es bei mir in diesem Fall nicht nur um Videospiele geht. Ich bemühe mich, in vielen Teilbereichen meines Lebens um Minimalismus. (Wobei ich mich selbst nicht als konsequenten Minimalisten bezeichnen würde, aber hey, der Weg ist bekanntlich das Ziel.) Ganz ehrlich: Unsere Welt ist in so vielerlei Hinsicht fucking verkorkst und kompliziert, dass ich versuchen möchte, mich auf „die beste Option“ zu konzentrieren - und alles andere entsprechend abzuhaken.
Das Problem ist aber, dass die Welt nicht nur Schwarz und Weiß ist und nicht immer klar ist, was wirklich die beste Option ist. Am Ende mache ich mir also mit der Suche danach sooo viele Gedanken und Stress, dass das mein Wunsch nach Simplizität komplett ad absurdum führt. Das Problem spüre ich immer wieder.
Und das führt mich dann jetzt zu den Videospielen. Bislang war ich 100% fein damit zu sagen, „ich gehe auf allen Plattformen digital, aber Nintendo ist meine Sammelleidenschaft“. Dafür nehme ich Geld in die Hand und das Sammeln macht mir Spaß. Ich hatte erst diese Woche noch, weil ich an mein Retrode wollte, wieder die Kiste mit meinen SNES- und N64-Modulen in der Hand. Die alten Module zu sehen, macht irgendwas mit mir. Das sind Erinnerungen. Kindheit. Emotionen. Vielleicht sogar ein Stück weit… sowas wie „Identität“. Das, womit ich mich umgebe, das bin ein Stück weit „ich“. Das sind meine Instrumente. Meine Mangas. Die Geräte, die ich verwende - und natürlich auch die Videospiele.
Das ist ein bisschen wie bei einem Handwerker, der am Ende besonders stolz auf das ist, was er selbst, mit seinen Händen geschaffen hat. Wahrscheinlich gibt es anderswo bessere Möbel. Wahrscheinlich sogar in Massenproduktion. Aber DIESES Stück, das hat er selbst geschaffen. DIESES Stück ist besonders.
Ein anderes Beispiel: Ich habe auch viele Bücher im Regal - und natürlich mag ich manche davon mehr, manche weniger. Bestimmte Bücher aber, habe ich zu Weihnachten bekommen. Von einem Menschen, den ich gern habe, zu einem Fest, das mir etwas bedeutet. Vielleicht sogar von jemandem, der nicht mehr da ist. Vielleicht steht da eine Widmung im Einband. Vielleicht ist das Buch selbst plötzlich gar nicht mehr so wichtig.
Ich glaube, wir Menschen sind einfach von Natur aus nicht effizient und selbstlos. Wir sind auch keine „immateriellen Wesen“: Wir brauchen handfeste Dinge - und wir brauchen Räume für Kreativität und Selbstverwirklichung. Wir brauchen etwas, womit wir uns ausdrücken können. Ich glaube, eine Welt, in der alles 100% digital ist und in der wir alle frei von Besitz sind, weil wir am Ende nur noch für Lizenzen und Zugangsmöglichkeiten bezahlen, ist keine, die einen Menschen auf Dauer glücklich machen kann.
Ich mache das zum Beispiel am Netflix-Overkill fest: Wir haben unendlich viele Filme und Serien, jederzeit auf Knopfdruck zur Verfügung. Warum leben wir also nicht im Entertainment-Schlaraffenland? Warum sind wir nicht mega happy, wenn uns Gamepass und PlayStation Plus mit tausenden von Spielen überflutet und wir überall mit Superlativen konfrontiert werden? Früher konnte ich froh sein, wenn ich mir mal ein Spiel leihen konnte. Oder eines zu Geburtstag bekam. Ich hatte, vor allem verglichen mit heute, unendlich viel weniger zur Auswahl, aber war ich deshalb weniger glücklich?
Und auch hier ein zweites Beispiel: Ich habe mit Apple Music unendlich viele Songs zur Verfügung - und natürlich genieße ich das - aber diese eine CD, bzw. die Kassette von den Hansons, die ich als Kind mal bekommen habe, die bedeutet mir was. Im Gegensatz dazu, sind all die Songs, die vielleicht in der Zwischenzeit von der Plattform verschwunden sind, komplett bedeutungslos. Weil ich sie nicht besitze. Weil ich mich nicht damit umgebe. All diese Songs, rauschen einfach - und relativ bedeutungslos - an mir vorbei.
Und jetzt kommt der Punkt, der so gar nicht in meine bisherige Argumentation passt: Eigentlich ist all dieser bedeutungslose Overkill… schon irgendwie geil. Ich genieße es, auf Apple Music einfach mal tiefer in die Musik mancher Künstler einsteigen zu können, ohne Geld für CDs in die Hand nehmen zu müssen. Ich genieße es, mir nicht sofort zahlreiche Blu-Rays kaufen zu müssen, um den neuen Anime zu schauen und ja, ich genieße es spontan, im PlayStation Store ein Angebot zu sehen und kurz darauf loszocken zu können. Digital ist schlichtweg fucking praktisch und fliegt nicht in der Gegend rum. Ich komme nicht umhin, mich zu Fragen: Was ist eigentlich wichtig? Das Plastik in der Hand oder die Erfahrung, die ich damit mache?
Und: Was ergibt eigentlich noch Sinn? Wenn ich sehe, dass das Xenoblade Chronicles Upgrade für die Switch 2 nur 10€ kostet, dann bin ich schon am überlegen, ob ich mir das Modul für 70€ kaufen möchte. Zumal ich dieses Spiel dann zum vierten Mal in der Sammlung hätte. Sich das physische Spiel kaufen zu wollen, ist komplett irrational, umweltschädlich und regelrecht unnötig - erst recht gleich vier Mal. ABER es ist nunmal Xenoblade. Eine Reihe, die mir persönlich wichtig ist und von der ich es schon irgendwie cool fände, sie vollständig und physisch in der Sammlung zu haben.
Ich bin dennoch bislang bei physisch geblieben. Aufgrund der Emotionen. Aufgrund des Mehrs, als die Summe seiner Teile. Wahrscheinlich ist das ein bisschen so, wie bei Schallplattenliebhabern. Es geht nicht um die bestmögliche Qualität. Es geht auch ein bisschen um das Drumherum. Um die Haptik. Um den Prozess des Auspackens und des Auflegens. Bei meiner Sammlung wird niemals jemand eines Tages vor der Tür stehen und sagen „sorry, die Lizenz ist abgelaufen. Gibst du uns das Spiel zurück?“ Und von all diesen Eindrücken und Gedanken kann ich mich irgendwie nur sehr schwer trennen.
Meine Bredouille ist nun aber, dass mir die Entscheidung abgenommen wird. Die Sinnhaftigkeit wird immer stärker in Frage gestellt und auch die Argumente pro Physicals werden immer schwächer. Auf dem Modul befinden sich keine Updates und keine DLCs. Wenn ich mir beispielsweise die Switch 2 anschaue, dann kann ich, ohne das initiale Update der Konsole, noch nicht einmal ein Spiel spielen. Viele Spiele setzen auch einen bestimmten Softwarestand der Konsole voraus. Wir reden theoretisch also nicht mehr nur davon, dass ich in 30 Jahren vielleicht nur noch die Urform von Breath of the Wild spielen kann - vielleicht kann ich das Spiel gar nicht erst starten. Weil es keine Hardware mehr gibt, um die Module abzuspielen. Weil es keine physischen Datenträger und dazu passende Laufwerke mehr gibt. Weil es keine Update-Server mehr gibt, um selbst die Urform eines Spiels überhaupt noch lauffähig zu machen. Für mich ist die Generation Gamecube beispielsweise allein schon aus Hardwaregründen irgendwie lost. Mit Wii und Wii U wird das sicher nicht besser. Allein aufgrund der Hardware.
Und all das ist real. Genau das passiert. Hier. Jetzt. Heute. Hersteller produzieren zum Teil schon seit Jahren keine Blu-Ray-Player mehr. Filme verschwinden aus digitalen Sammlungen, weil Lizenzen auslaufen. Spiele erscheinen nur noch auf Schlüsselkarten und PlayStation-Spiele sind demnächst nur noch als Download verfügbar. Ja, es gibt Proteste und „Liebhaber-Publisher“, wie Limited Run und Co. …und ja, noch veröffentlich Nintendo seine Spiele noch physisch. Aber machen wir uns nichts vor: Der Kampf ist schon lange verloren. Sollte ich meinen Posten - und all die Emotionen, die damit zusammen hängen - aufgeben? Ist alles andere unnötig rausgeschmissenes Geld?
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich das kann. Oder ob ich das möchte. Ich möchte mich mit Minimalismus auf das Wesentliche konzentrieren. Aber vielleicht ist „das Wesentliche“ nicht nur das Spiel an sich. Sondern auch das drumherum. Vielleicht „ticke“ ich einfach so.
Vielleicht ist all das Drumherum aber auch nur unnötiger Ballast und ich bin einfach noch nicht auf dem Level angekommen, das alles aufzugeben. Wenn ich meine vollen Regale sehe, denke ich mir schon, dass das cool ist - aber ich sehe auch zunehmends, wie viel Raum das alles einnimmt. Nicht nur physisch. Sollte ich mich also von all dem einfach trennen? Aber was ist dann… mit mir?
Und hier drehe ich mich dann im Kreis. Ja, es geht nur um Videospiele und ja es gibt natürlich etliche Dinge in meinem Leben, gegen die Videospiele schlichtweg bedeutungslos sind… aber irgendwie ist das Thema Videospiele auch mein größtes Hobby und meine Leidenschaft. Sie begleiten mich schon seit ich denken kann - und darüber mache ich mir Gedanken. Ich mache das irgendwie… zu einer Grundsatzfrage. Weil ich scheinbar die Art Mensch bin, die alles zerdenken muss. Und für diese (Grundsatz-)Frage habe ich noch keine Antwort gefunden. Oder vielleicht doch. Vielleicht bin ich nur noch nicht bereit dafür, sie zu akzeptieren.