Nach fast fünf Monaten habe ich es endlich geschafft. 146 Stunden hat mich das Monstrum Kingdom Come Deliverance 2 gekostet, fast 1,5 Mal so viel wie der Vorgänger.
Ermüdung? Vielleicht ein kleines bisschen, aber mindestens genauso wehmütig bin ich, dass es vorbei ist. Das allein zeigt, wie gut dieses Spiel doch ist. Heinrichs Reise durch das Land um Burg Trosky und Kuttenberg und dessen Umland war eine einmalige Reise.
Wir schreiben das Jahr 1403. Böhmen befindet sich im Würgegriff von Sigismund von Luxemburg, König von Ungarn, der seinen Bruder König Wenzel einkerkern ließ und mit seinem Heer den böhmischen Thron für sich beansprucht. Heinrich, Bastard eines Adeligen, großgezogen von einem Schmied und nach den Ereignissen des ersten Teils Knappe von Hans Capon, Herr von Pirkstein macht sich mit ebendiesen auf, einen Brief der Herren Radzig Kobyla (Heinrichs Vater) und Hanusch (Hans’ Onkel und Vormund) auf nach Trosky, um Herrn Otto von Bergow einen Brief zu überbringen, der ihn dazu bewegen soll, zu König Wenzels Seite zu wechseln. Damit knüpft das Spiel direkt ans Ende der Vorgängers an.
Kurz nach der Ankunft wird die Kolonne der beiden jungen Männer überfallen, beide kommen nur mit knapper Not und mit nichts weiter als ihrer Unterwäsche davon. Natürlich kennen sie niemanden in der Fremden Gegend und werden als Landstreicher angesehen. So müssen sich die beiden jetzt von ganz unten an durchschlagen und geraten auf ihrer Reise tief in ein Ränkespiel um die Zukunft von Böhmen.
Kingdom Come Deliverance bietet einen hohen Realismus-Faktor. Nicht nur sind die Ereignisse und Personen der Zeit doch recht genau der Geschichte nachempfunden, auch das Spiel selbst zeichnet sich durch ein hohes Maß an Realismus aus. Heinrich muss essen und Schlafen, um kein Debuffs zu erleiden, im Kampf bespritzt er sich mit Blut, sei es sein eigenes oder das des Gegners und muss die Kleidung und sich selbst regelmäßig waschen und seine Ausrüstung verschleißt und muss entweder von Heinrich selbst oder von Handwerkern repariert werden. Während andere Action-RPGs wie The Elder Scrolls den Rollenspiel-Anteil immer mehr zurücklassen, ist Kingdom Come Deliverance II das willkommene Gegenteil. Die vielen vielen Skills, die gelevelt und mit Perks ausgestattet werden können, haben nicht nur Einfluss auf Kampf oder entsprechende Tätigkeiten wie Alchemie, Schwertkampf oder Alkoholkonsum, sondern in vielen Gesprächen oder sozialen Handlungen, kann man mit entsprechenden Skillchecks so manche Situation ändern. Selbst die Kleidung hat einen großen Einfluss, so kann man mit blutbeschmierter Rüstung einfacher jemanden bedrohen als mit noblem Zwirn, während man mit ebendiesem sich als Adeliger ausgeben kann.
Die ersten Stunden, in denen man ohne jeglichen Fähigkeiten (durch den Überfall hat sich Heinrich dermaßen verletzt, dass er wieder ganz von vorn anfangen muss) und ohne Geld klar kommen muss, waren verdammt stark und wenngleich ich ab der Hälfte durch Abschluss sämtlicher Quests bis zu dem Punkt Skills jenseits von Gut und Böse erlangt und Heinrich zu einem Übermenschen gemacht hatte und in Groschen schwamm, machte es doch nach wie vor verdammt Spaß, wo andere Spiele wie Skyrim mich dann nur noch langweilten.
Grund dafür sind vor allem die toll geschriebenen Quests. Kein langweiliges Füllmaterial, keine 100 über die Open World verteilten Fragezeichen oder so, sondern allesamt gut geschriebene Quests, die sich in oft auch auf unterschiedliche Arten und Weisen lösen lassen. Logischerweise habe ich jede Quest im Spiel abgeschlossen, was auch der Grund für meinen komplett überlevelten Heinrich als auch die über 140h Spielzeit ist.
Ebenfalls dazu bei trugen die toll geschriebenen Charaktere. Vor allem in der zweiten Hälfte des Spiels lernt man interessante Charaktere kennen, mit denen man gerne Zeit verbringt. Auch die Sprecher sind super gewählt, so hat man u.a. die deutschen Stimmen von Samual L. Jackson und Michael Keaton. Leider hört man bei unwichtigeren Charakteren zu oft die gleiche Stimme, was ab und zu die Immersion etwas dämpft.
Ansonsten ist die Immersion ist aber absolut next Level. Die Welt ist einfach wunderschön umgesetzt. Seien es die Dörfer, in denen jeder Bewohner seinen Tagesablauf und Wohnort hat, sei es die wunderschöne Natur oder das originalgetreu umgesetzte Kuttenberg voller Menschen. Die Musik im Hintergrund trägt auch stets gut zur Kulisse bei. Fälle wie beim Erstling, wo ich in der Nacht auf Zehnspitzen ein Dorf ausraubte und dabei fröhliche Jahrmarktmusik dudelte, traten hier nicht auf. Dafür sind gewisse Immersionbreaker wenn man merkt, wo das Team gecuttet hat, um das Releasedatum zu erreichen. Vor allem auf der zweiten Map steht man oft vor Türen, die nur aufgemalt sind und nicht geöffnet werden können. Dazu gehören leider auch sämtliche Kirchentüren.
Während des Spiels schaltet man an den passenden Stellen Kodex-Einträge frei, die Wissen über das Leben im Mittelalter oder den historischen Kontext von Orten oder Personen im Spiel beinhaltet. Diese sind lange genug um Wissen zu vermitteln aber kurz genug, um nicht in Leseorgien auszuarten.
Ich habe heute jetzt lang genug ein Ohr abgelabert und komme zum Abschluss. Mein Playthrough hat 145 Stunden gedauert. Die DLCs waren wohl alle nicht so pralle, deshalb habe ich die nicht gekauft. Wem das nicht reicht (und ja, ich kenne Leute, denen das nicht gereicht hat), kann noch einen Plasythrough dran hängen und versuchen, das Spiel auf Hardcore und/oder ohne Fleisch zu essen und/oder ohne ehrlose oder kriminelle Taten abzuschließen, was Achievements freischaltet.
Auch wenn es nicht perfekt ist, komme ich nicht drum herum, hier eine 10/10 zu droppen. Andernfalls hätte mich das Spiel keine vier Monate bei der Stange gehalten. Spielt das!
Nach einem Post vom Entwickler auf Reddit habe ich mal das kurze Gratis-Spiel Pizzapocalypse gespielt. Als Pizzabäcker muss man eine Pizza liefern. Der Weg führt durch ein echt stabiles Jump’n’Run-Level, während man von fiesen Robotern eines Konkurrenten angegriffen wird. Die Steuerung erinnert stark an Mario Odyssey und das ist defintiv ein Pluspunkt. Der kleine Pizzabäcker nutzt seine Pizza wie Mario Cappy, wodurch man wirklich coole Sprungkombos abliefern kann. In einer halben Stunde ist man locker durch und kann sich noch an ein paar Challenges probieren. Das Spiel ist ein 12-Wochen-Projekt zweier Studenten und davor ziehe ich meinen Hut und werde defintiv Pizzapocalypse 2 kaufen, wenn es erscheint. Respekt!
Zu guter letzt habe ich noch Lil’ Gator Game: In the Dark, den DLC zur großen Cozy Game-Überraschung gespielt. Ein Bösewicht taucht auf. Der Dunkelmeister droht die Spielplatzstadt zu zerstören. Also ziehen Lonk (so habe ich den kleinen Alligator genannt) und seine Freunde in den Untergrund, ein großes Höhlensystem, das sich unter der Insel erstreckt. Hier wartet eine ganze Reihe neuer Charaktere darauf, sich mit Lonk anzufreunden (nach einer kleinen, unterhaltsamen Quest). Hat man genug Freunde, kann man die drei Schergen des Dunkelmeisters herausfordern um am Ende Zugang zu seinem Versteck zu erlangen. Zusätzlich gibt es in dem weitläufigen Höhlensystem, das man wie das Hauptspiel ohne Karte erkundet wieder haufenweise Pappaufsteller zu zerstören und neue Austüstungsgegenstände zu finden. Superlang ist es nicht, nach nur 3,6h ist man durch, aber das ist eine Ecke weniger als die Hälfte des Hauptspiels und das geht voll klar. Auch die Story war echt berührend, ganz ehrlich: Ich habe nix auszusetzen. Und enthalte mich einer Zahlenwertung. Wer Spaß am Hauptspiel hatte, wird auch damit jede Menge Spaß haben.