Nine Sols
Ertrage, was andere nicht können, denn Helden werden durch Qualen geschmiedet - Leitsatz des Jie-Clans
Nine Sols ist ein handgezeichnetes 2D-Soulslike-Metroidvania mit einem von Sekiro inspirierten Kampfsystem. Das Spiel wurde von dem taiwanesischen Studio Red Candle Games entwickelt, das zuvor vor allem mit Spielen im Psycho-Horror Genre aufgefallen war. Mit Nine Sols haben sie 2024 ein neues, action-geladenes Kapitel aufgeschlagen, in welchem Taoismus-Mythologie und technisch-futuristische Dystopie miteinander verschmolzen werden.
Ihr übernehmt die Rolle von Yi, einem ehemaligen Mitglied der 10 Sols des Tiandao-Rats von New Kunlun. Yi wurde vom Rat verraten und von dessen Anführerin, Eigong, lebensgefährlich verletzt - allerdings wurde Yi kurz vor seinem Tod von den Wurzeln des Fusang-Baumes eingeschlossen und dadurch am Leben gehalten. 500 Jahre später wird Yi von Shuanshuan, einem kleinen Menschenkind, gefunden auf aufgeweckt. Einige Zeit später macht sich Yi auf um Rache an den anderen Sols zu nehmen.
Ein Spiel wie Hollow Knight?
Auch wenn das Spiel dem selben Genre angehört wie Hollow Knight und man in den weiten des Internets zahlreiche Aussagen a la „wenn Hollow Knight und Sekiro ein Baby hätten“ findet - der Vergleich zu Hollow Knight hinkt doch gewaltig, da das Spiel ganz andere Fokusse setzt. Nine Sols legt besonders großen Wert auf den Kampf und das Leveldesing funktioniert vorrangig wie solche aus Demons’ Souls oder Bloodborne. Jeder größere Abschnitt der Karte enthält einen Wurzelknoten, das Nine Sols-Pendant zu einem Bonfire, und der Weg zum jeweils nächsten ist gespickt mit gefährlichen Gegnern und Fallen. Dabei lassen sich auf dem Weg, auch typisch Soulslike, häufig Abkürzungen wie Leitern freischalten, damit man schneller zurück zum Wurzelknoten gelangen kann, um sich dort von den Kämpfen zu erholen… oder um schneller an den Ort des Todes zurückzukehren, um seine verloren gegangenen Erfahrungspunkte und Jin (die Währung von New Kunlun) zurückzuholen.
Von den Wurzelknoten aus kann man sich zum Vier-Jahreszeiten-Pavillon, vergleichbar mit dem Firelink-Shrine oder dem Hunter’s Dream, teleportieren lassen. Hier finden sich im Verlaufe des Abenteuers mehr und mehr NPCs ein, bei denen man Upgrades erwerben, sich unterhalten und verschiedene Questlines verfolgen kann. Der grundlegende Gameplay-Loop funktioniert hervorragend, die Abschnitte bis man wieder eine Abkürzung (oder ähnliches) freigeschaltet hat, sind nie zu lang aber trotzdem fordernd genug, dass man immer froh ist, wieder ein Stück geschafft zu haben und weitere Verbesserung im Vierjahreszeiten-Pavillon erwerben zu können. Dieser Mix aus großer Anspannung in der feindseligen Welt von New Kunlun und der Entspannung im Pavillon kann süchtig machen und ist den Entwicklern vorzüglich gelungen. Das Platforming und die Erkundungs- bzw. Metroidvania Elemente runden die ganze Sache ab, sind jedoch lediglich gelungene Ergänzungen - Spieler, die sich größere Betonung auf Platforming und Erkundung wünschen, könnten hier enttäuscht werden. Nichtsdestotrotz macht es großen Spaß Yi durch die Welt zu bewegen, kleine Secrets zu entdecken oder die mystische Nymphe, eine Art kleine fernsteuerbare Flugdrohne, durch enge Luftschächte zu manövrieren, um Anlagen zu infiltrieren.
Kämpfe um dein Leben!
Der größte Star des Gameplays ist das Kampfsystem. Anstatt gegnerischen Angriffen auszuweichen, ist es in den meisten Fällen geboten die Angriffe zu parieren. Perfekt getimete Paraden negieren jeglichen Schaden bei Yi (und reflektieren Projektile), ist man beim Timing etwas zu früh dran, erhält man indirekten Schaden, der sich wieder in Lebensenergie umwandelt, sofern man danach erstmal keinen Treffer mehr kassiert. Jede Parade wird dazu mit der Aufladung von Qi belohnt - dieses lässt sich einsetzen, um Talismane an Gegnern anzubringen, die mächtigen Schaden anrichten können. Im Verlaufe des Abenteuers erlernt Yi weitere Kampffähigkeiten, welche dem Kampfsystem zusätzliche Möglichkeiten und Tiefe verleihen, zudem können in der Welt sogenannte Jade-Steine gefunden bzw. erworben werden. Diese Jade-Steine funktionieren wie die Charms in Hollow Knight und dienen zur Konfiguration von Yi - so gibt es z.B. einen Jade-Stein, der indirekten Schaden heilt, wenn man dem Gegner Schaden zufügt, perfekt also für Spieler, die einen riskanteren bzw. offensiveren Spielstil bevorzugen.
Das Tolle an dem Kampfsystem ist, dass es erstmal leicht zu verstehen und zu erlernen ist, gleichzeitig aber stetig erweitert wird und schwer zu meistern ist. Mit vielen Gegnern muss man sich sehr intensiv auseinandersetzen, um die passenden Timings zu verstehen und anwenden zu können. Kleine Feinheiten bringen Würze ins Spiel, zum Beispiel kann man den Knock-Back beim Parieren gewisser Attacken benutzen, um Yi für einen Folgeangriff besser zu positionieren. Angriffe von hinten richten größeren Schaden an, wodurch es sich lohnt sich an Gegner anzuschleichen. In der Luft kann Yi Angriffe von allen Seiten abwehren, am Boden nur von vorne, was kleine Turns oder Sprünge nötig macht, wenn man sich mit mehreren Gegnern gleichzeitig konfrontiert sieht. Das Abwehren starker Angriffe richtet indirekten Schaden bei den Gegnern an, der sich in richtigen Schaden durch Talismane umwandeln lässt. Und so weiter und so weiter, es ist genug dabei um langfristig zu motivieren.
Besonderes Highlight sind die großen Hauptbosse des Spiels, die mit den neun Sols verbunden sind - einfach geil, wirklich. Die verlangen einem alles ab, bei manchen habe ich dutzende Versuche gebraucht. Aber Frust habe ich nie empfunden, im Gegenteil haben diese Kämpfe unbeschreiblich viel Spaß gemacht. Es ist mega befriedigend die Bosse zu lernen und zu bezwingen, und dabei sieht das alles auch noch krass stylisch und cool aus! Ich habe nicht nur ein paar Mal den Aufnahme-Button geklickt, um mir meine gottgleichen Abwehr-Sequenzen im Nachgang nochmal reinzuziehen :D. Ein paar Bosse zählen jedenfalls schon jetzt zu meinen Lieblingsbossen aller Zeiten, trotz jahrzehntelanger Videospielerfahrung.
Einer der ersten Bosskämpfe, der breiten Gebrauch von Yis Fähigkeiten abverlangt (im Spoiler-Kasten).
Eine intensive Geschichte
Neben dem Kampf legt das Spiel großen Wert auf Story, Lore und Charaktere. Anfänglich war ich etwas genervt, da das Spiel einen sehr langsamen, dialoglastigen Start hat. Doch mit der Zeit wusste ich die Herangehensweise der Entwickler mehr und mehr zu schätzen. Die Geschichte von Yi und New Kunlun wird in gelegentlichen Rückblicken und Dialogen aufgearbeitet, dazu lassen sich in der Welt Artefakte wie Tagebücher finden, durch die man mehr von der Spielwelt und seinen Mysterien erfährt. Dazu bekommen nicht nur die verschiedenen Sols einiges an Redezeit, in denen ihre Wesenszüge dargestellt werden, auch mit den NPCs im Vier-Jahreszeiten-Pavillon lässt sich häufig interagieren. Fast immer, wenn man zum Pavillon zurückkehrt, gibt es neue kleine Dialoge, in denen sich die Beziehungen zwischen Yi und den anderen, insbesondere zu dem kleinen Jungen Shuanshuan, weiterentwickeln. Mit der Zeit wachsen einem die Charaktere regelrecht ans Herz und die Schicksale der Charaktere bekommen einen Impact auf den Spieler. Ich habe die Story- und Dialogelemente mehr und mehr liebgewonnen, da sie auch einen sehr schönen Kontrast zu der Action und den Grausamkeiten in New Kunlun darstellen.
Wenn wir schon von Grausamkeiten sprechen - die Story und Inhalte des Spiels sind mitunter nichts für schwache Nerven. Das Spiel warnt sogar am Anfang davor, dass eher zart besaitete Menschen Probleme haben könnten. Die Story behandelt unter anderem Themen wie Unterwerfung, Selbstmord oder Folter. Der (echt schöne) Artstyle des Spiels enthält Elemente von Gewalt, Gore und selten sogar Horror. Besiegte Bosse bleiben beispielsweise teils als verstümmelte Leichen zurück, an anderer Stelle (ohne zu viel spoilern zu wollen) regnet es Blut von der Decke. Das Spiel bietet hier eine große Spannweite, Momente von Freundschaft, Humor, Selbstlosigkeit oder auch Rührseligkeit wechseln sich mit düsteren Thematiken und Brutalität ab. Ich fand’s großartig - nicht nur weil die Atmosphäre, die Story und die Spielwelt sehr außergewöhnlich und interessant sind, sondern auch weil sie zentrale Bestandteile des Character-Arcs von Yi wiederspiegeln. Am Ende fand ich die Auflösung der Story, auf die das ganze Spiel hingearbeitet wird, sogar schön - ich hätte beinahe ein Tränchen verdrückt. Die brutaleren und ernsteren Momente werden aber sicherlich nicht jedem gefallen.
Ein geköpfter Gegner
Ein Meisterwerk?
Das Spiel hat ungefähr 30 Spielstunden auf den Rippen, für ein Indie-Spiel also schon ordentlich. Trotzdem hätte ich mir noch 1-2 weitere Gebiete mit dazugehörigen Bossen gewünscht, das Spiel hätte also gerne Eleven statt Nine Sols heißen können. Das liegt auch mit daran, dass das Spiel mit zunehmender Dauer immer besser wird und man selbst als Spieler auch immer mehr in die Lore und in das Gameplay reinwächst. Am Ende war es dann etwas traurig, dass es doch so schnell vorbei war und man das Gefühl des ersten Spielens nicht mehr replizieren können wird - auch weil es (wahrscheinlich) kein Sequel geben wird. Das ist aber ja auch wiederum ein Kompliment an das Spiel.
Ist Nine Sols ein perfektes Spiel? Nein, dazu sind z.B. die Platforming und Erkundungs-Elemente zu durchschnittlich, der Start des Spiels zu langsam, dazu gibt es Nitpicks wie gelegentlich unsaubere Hitboxen. Ist es ein Spiel für jedermann? Auch das ganz bestimmt nicht, dafür ist das Spiel vom Schwierigkeitsgrad her zu brutal (es gibt aber einen Story-Modus!) und beinhaltet in Story und Artstyle zu viele Elemente, die nicht jeder haben will.
Und trotzdem ist Nine Sols ein ganz besonderes Spiel, in gewisser Hinsicht halte ich es sogar für überragend. Nine Sols wurde zu einem der seltenen Spiele, die mich nicht mehr losgelassen und mich teils bis tief in die Nacht an der Konsole gefesselt haben. Ich denke besonders Liebhaber von Soulslikes sollten sich dieses Spiel anschauen, das braucht imo mehr Aufmerksamkeit - auch wenn Streamer wie Fireb0rn oder MoistCr1TiKaL Nine Sols bereits ebenfalls in den höchsten Tönen loben. Ich hätte mir für mich jedenfalls kaum einen besseren Abschied für die Switch vorstellen können. Danke Red Candle Games.
10/10


